Analyse: Bei der Desktop-Virtualisierung kehrt Ernüchterung ein

    Microsoft VDIDie Verlagerung des Windows-Clients in das Rechenzentrum gilt als einer der großen Trends beim Desktop-Computing. Die Analysten von Gartner prognostizierten VDI-Lösungen für 2013 ein Marktvolumen von 65 Mrd. Dollar, das wären 40 Prozent des weltweiten professionellen PC-Markts. Mittlerweile mehren sich aber die Zeichen, dass einige Versprechen hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit und der technischen Möglichkeiten in der ersten Euphorie etwas voreilig abgegeben wurden. Auch wenn zentralistische Desktop-Modelle im Aufwind sein mögen, so lassen sich derzeit kaum Unternehmen auf eine strategische Neuausrichtung ein.

    Die Hoffnungen der Anbieter ruhen besonders auf die überall fällige Migration auf Windows 7, die Firmen zum Anlass nehmen könnten, um ihre Desktop-Strategie grundsätzlich zu überdenken. Anstatt einfach XP durch das neueste Betriebssystem zu ersetzen, würden sie sich durchgängig für ein zentralistisches Modell entscheiden.

    Nur punktueller Einsatz von virtuellen Desktops

    Viele Unternehmen befinden sich bereits in der Planungsphase für den Umstieg auf Windows 7, der den Erwartungen von Gartner zufolge 2011 und 2012 im großen Stil erfolgen wird. Dennoch geht kaum eine Firma über den taktischen Einsatz von VDI hinaus.

    Ein Indiz dafür waren im letzten Jahr die Widerstände der Citrix-Kunden gegen die Umstellung der XenDesktop-Lizenzen auf ein Modell, das pro Benutzer anstatt pro Gerät abgerechnet wird. Dieser Ansatz orientierte sich an der strategischen Nutzung von VDI, bei der alle Mitarbeiter von einem beliebigen Endgerät aus auf ihren persönlichen zentralen Desktop zugreifen. Citrix folgte dabei den Empfehlungen von Analysten, die eine Device-bezogene Abrechnung für solche Szenarien für nicht angemessen betrachten.

    Die heftigen Reaktionen der Citrix-Kunden, die den Hersteller zum Einlenken bewegten, waren dadurch begründet, dass die meisten Firmen virtuelle Desktops nur taktisch einsetzen, also beispielsweise für Offshore-Projekte, bestimmte Tätigkeitsbereiche oder um Mitarbeitern die Möglichkeit zu bieten, von unterwegs oder vom Home-Office auf den Corporate Desktop zuzugreifen. Und dafür sind gerätebezogene oder konkurrierende Lizenzen günstiger.

    VMware sieht keinen Durchbruch für VDI

    Die kürzlichen Stellungnahmen von Marktführer VMware zeigen ebenfalls, dass die Desktop-Virtualisierung die Erwartungen des Herstellers noch nicht erfüllt. COO Tod Nielsen gab anlässlich des letzten Quartalsberichts zu, dass er weder eine technische noch eine wirtschaftliche Trendwende zugunsten von VDI erkennen könne.

    VMware mag sich dabei den Vorwurf gefallen lassen, dass es einigen seiner Ankündigungen bisher nicht nachgekommen ist. So ist mittlerweile unklar, ob der Client-Hypervisor jemals fertig gestellt wird. Die Version 4.5 von View verspätet sich und kommt ohne die von RTO gekaufte Software für das Management von User-Profilen. Und die mit Taradici gemeinsam entwickelte reine Software-Implementierung von PC-over-IP ist primär für LANs ausgelegt und für WAN-Verbindungen nur bedingt geeignet.

    Nach einer Einschätzung von Burton-Analyst Chris Wolf erfüllen die zwei führenden Anbieter Citrix und VMware nicht alle Kriterien für den Enterprise-Einsatz ihre Produkte. Besondere Defizite sieht er bei der Administration der Software, die keine Delegierung von Aufgaben zulässt (Update: Mit dem gerade erschienen SP1 für XenDesktop 4 Platinum erfüllt Citrix als erster Hersteller die Anforderungen der Burton Group). Bei der Untersuchung wurde Späteinsteiger Red Hat nicht berücksichtigt, der sein Remoting-Protokoll SPICE - also eine zentrale VDI-Komponente - wahrscheinlich erst in einem Jahr fertigstellen kann.

    Bruch mit bisheriger Praxis

    Die Migration auf Windows 7 ist für die Mehrzahl der Firmen, die von XP kommen, ohnehin eine größere Aufgabe, weil das neue Betriebssystem zahlreiche Veränderungen bringt, die sich bei der Kompatibilität der Applikationen, der Deployment-Technik und bei den Lizenzbedingungen bemerkbar machen.

    Der Umstieg auf ein zentrales Desktop-Modell bedeutet mehr, als die Clients ins Rechenzentrum zu verlagern. Vielmehr wirkt sich diese grundlegende Umorientierung auf fast alle Aspekte aus. Unter anderem sind zusätzlich folgende Fragen zu klären:

    • Laufen die benötigten Programme nicht nur unter Windows 7, sondern sind sie auch zur Nutzung über ein Remoting-Protokoll geeignet?
    • Welche Anforderungen stellen die Benutzer: erbringen sie mehr aufgabenorientierte Tätigkeiten oder arbeiten sie stärker projektbezogen? Wie hoch ist der Anteil mobiler Mitarbeiter, die eine offline-fähige Umgebung benötigen?
    • Welche Endgeräte sind im Einsatz und welche davon könnten im Rahmen einer VDI-Lösung weiterverwendet werden?

    Die Virtualisierung von Desktops verändert fast alle Bereiche des System-Managements, vom OS-Deployment über die Verteilung der Anwendungen bis zur Verwaltung der Benutzerprofile. Auch über die Jahre eingespielte Services, etwa der Schutz der Clients vor Schadsoftware, müssen neu geplant werden. Die Installation eines Viren-Scanners in jede virtuellen Maschine ist kein praktikabler Ansatz. Darüber hinaus erfordert der Umstieg die Fähigkeit, virtualisierte Server zu betreiben, eine Kompetenz, die dem herkömmlichen Desktop-Management fremd ist.

    Maßstäbe des Rechenzentrums

    Die Installation von Hosted Virtual Desktops, wie virtuelle Desktop am Server genau bezeichnet werden, erfordert die Einrichtung einer entsprechenden Infrastruktur im Backend. Während leistungsfähige Server die Kosten pro Desktop relativ niedrig halten, sind SANs immer wieder Anlass für Debatten.

    Mit dem Umzug der Desktops in das Rechenzentrum tauschen Unternehmen den billigsten verfügbaren Speicher, die lokale SATA-Festplatte, gegen den teuersten, den von SANs. Er wird dann paradoxerweise für Daten benutzt, denen Unternehmen den geringsten Wert beimessen, nämlich den Dateien von Windows und lokal installierten Programmen. Bekanntlich ist es gängige Praxis, fehlkonfigurierte PCs zu reparieren, indem sie mit einem Standard-Image überschrieben werden.

    Während kaum jemand auf die Idee kommt, die Installation der Clients zu sichern, ist das Disaster Recovery bei VDI sehr wohl ein Thema. Es liegt auf der Hand, dass der Ausfall der zentralen Infrastruktur gravierende Auswirkungen haben kann, wenn dadurch Dutzende oder Hunderte Mitarbeiter keinen Zugang zu den IT-Systemen haben. Vereinzelte Ausfälle herkömmlicher Desktops hingegen sind keine Seltenheit und werden von IT-Abteilungen routinemäßig behoben. Insgesamt könnten Unternehmen die Einführung von VDI-Lösungen mit SLAs verknüpfen, die je nach Ansprüchen die Kosten in die Höhe treiben.

    VDI-Entwicklung noch nicht abgeschlossen

    Das Marketing der führenden Hersteller hat es geschafft, Desktop-Virtualisierung allgemein mit Hosted Virtual Desktops gleichzusetzen. Dieses Konzept, das eine Weiterentwicklung des etablierten Server Based Computings darstellt, passt für eine Reihe von Unternehmen und Nutzungsszenarien. Die Hoffnung der VDI-Anbieter, dass virtuelle Desktops aus dem Rechenzentrum zum Standard in den Unternehmen werden, scheint sich nicht zu erfüllen.

    Die anfängliche VDI-Euphorie verdankt sich nicht zuletzt der Erwartung der Anwender, die Desktops durch zentrales Management besser in den Griff zu bekommen. Das könnte sich aber auch durch weniger komplexe Modelle erreichen lassen, die zudem von der Rechenleistung, den Grafikfähigkeiten und dem lokalen Speicher des PCs profitieren - und damit ein besseres Benutzererlebnis und Offline-Fähigkeit bieten.

    Citrix und VMware wollten dieses Ziel durch die Entwicklung eines Client-Hypervisors erreichen, der virtuelle Maschinen lokal ausführt und Änderungen mit dem Backend synchronisiert. Citrix stellte erst unlängst XenClient vor, der zukünftig zum Lieferumfang von XenDesktop gehören soll. VMware dagegen rückt immer mehr von seinen ursprünglichen Ankündigungen ab und setzt verstärkt auf einen Typ-2-Virtualisierer (auf Grundlage von VMware Workstation). Beide Ansätze ergänzen indes die Komplexität im Backend mit einer solchen auf dem Client.

    Zentralistische VDI-Alternativen

    Einige kleinere Technologiefirmen zeigen, dass zentrales Management und lokale Ausführung einfacher sein können als Hosted Virtualized Desktops. Aber vor allem geht auch Microsoft als beherrschende Macht am Desktop andere Wege. Zwar bietet der Hersteller mit den Remote Desktop Services die Basisfunktionen von VDI an, hält aber nicht viel von einem Client-Hypervisor. Wie es derzeit aussieht, setzt Microsoft strategisch auf die Applikations-Virtualisierung mit App-V. Sie erlaubt das Streaming von Anwendungen vom Server auf die Clients, ohne die lokale Windows-Installation zu verändern, und kann benutzerspezifische Einstellungen auf jedes Endgerät mitnehmen.

    Solche evolutionären Ansätze sind das Erfolgsgeheimnis der x86-Plattform, die einst mit einem Stand-alone PC ohne Netzwerkanschluss, CD-Laufwerk oder gar Unterstützung für Hardwarevirtualisierung begann. Daher scheint es wahrscheinlicher, dass die Formen der Desktop-Virtualisierung besonders erfolgversprechend sind, die nicht radikal mit dem etablierten Client-Konzept brechen.

    3 Kommentare

    Bild von Bart
    Bart sagt:
    3. November 2010 - 17:03

    Faszinierend, wie dieser, rein auf Ressourcenverbrauch ausgelegte Trend 2009 noch als Hype gefeiert wurde. Nun ist (endlich) die Ernüchterung eingekehrt.
    Man merkt den Herstellern an, dass da das eigene Produkt als Allheilmittel für so ziemlich alles angesehen wird. Nur fehlt der konkrete Feind.

    Auch faszinierend ist, wie die reservierte Nachfrage auf Unzulänglichkeiten der Technik oder Strategieverweigerer geschoben wird. Fakt bleibt, dass VDI nur für einen verschwindend geringen Benutzerkreis Sinn macht.

    Beispiele:
    - versuchen Sie einem Aussendienstmitarbeiter oder einem "Kreativen" seinen Laptop abzunehmen
    - versuchen Sie einem Konstrukteur seine CAD Maschine zu streichen
    - versuchen Sie im Bereich Desktop Publishing/Print/Audio zu virtualisieren

    Was bleibt dann noch ? Arbeitsplätze, die auf Datenverarbeitung ausgelegt sind. Die lassen sich wunderbar (und mit sehr geringem Aufwand) auf klassischen Remote Desktop Lösung betreiben.

    Dazu sind Applikationen aus der Cloud im kommen. Meist reicht ein Browser um den vollen Funktionsumfang vieler Programme, Apps, Widgets, von Schnick und von Schnack zu nutzen. Die Hersteller klassischer Applikationen setzen auch eher auf diesen Zug als sich als "Problematische Applikation" abstempeln zu lassen.

    Fazit: VDI ist tot bevor es gelebt hat. (Da kann man eher einer Kantinenküche Kochplatten für das persönliche Erlebnis am Mittagstisch verkaufen)

    Bild von Wolfgang Sommergut
    4. November 2010 - 10:55

    >Fazit: VDI ist tot bevor es gelebt hat.

    So weit würde ich nicht gehen, VDI bietet für bestimmte Nutzungsszenarien einige wesentliche Vorzüge (zentrale Datenhaltung, Zugriff auf den persönlichen Desktop von vielen Endgeräten, etc.).

    Außerdem sind den Herstellern viele der hier angesprochenen Probleme bewusst und sie arbeiten an Lösungen. So bietet VMware View 4.5 ein Tiered Storage, um lokale Platten einbinden zu können. Citrix geht das Thema mit einem Cache für XenServer an, so dass temporäre Dateien nicht auf ein SAN ausgelagert werden müssen.

    Auch bei den Remote-Display-Protokollen ist noch nicht das letzte Wort gesprochen, viele Thin-Client-Hersteller setzen etwa große Erwartungen in RemoteFX, das mit dem SP1 von Windows Server 2008 R2 ausgeliefert wird.

    In der Praxis werden nach meiner Einschätzung viele Unternehmen gemischte Umgebungen haben, weil - wie Sie ausführen - in vielen Fällen Fat Clients die bevorzugten Arbeitsgeräte bleiben. Allerdings werden solche hybriden Client-Installationen das Management bestimmt nicht vereinfachen.

    Bild von Bart
    Bart sagt:
    4. November 2010 - 13:38

    Ich denke mit VDI wird kräftig am eigentlichen Problem vorbeigearbeitet. Was gerade einer Unternehmensumgebung fehlt ist der Ansatz einer strikten Trennung von Inhalt, Darstellung und Funktionalität. Es geht schließlich um Inhalte. Nicht um die Tatsache, dass es Desktops gibt.
    Sich an der Stelle mit multi Tier Storage usw. zu beschäftigen verschlingt nur Budgets. Das eigentliche Problem wird nicht gelöst.

    Wenn ein Endgerät beschreiben kann, was für Darstellungs- und Eingabefunktionalitäten es unterstützt, kann auch konsequent der Inhalt passend aufbereitet werden. Das beweist z.B. RIM sehr schön.

    Der klassische Desktop ist ein veraltetes Medium. Die Akzeptenz für neue Ansätze ist aber sehr gering, falls sie nicht von Apple kommen.

    Ich befürworte weder die Nutzung von Blackberries noch von Appleprodukten; beide sind (milde gesagt) zu sehr auf ihr eigenes Portfolio eingeschossen. Dummerweise will ja jeder mit seinem Produkt Geld verdienen. Aber es wird bewiesen, dass es durchaus alternativem zum Ansatz Desktop+Applikation gibt. Java wäre gern ein Archetyp dieser Möglichkeiten nur behindern Ressourcenhunger und eine träge Mentalität in vielen Entwicklungsabteilungen die platformunabhängige Nutzung.
    Microsofts Skepsis kann man da durchaus nachvollziehen. Applikationsvirtualisierung ist der Desktopvirtualisierung deutlich überlegen, was das Erlebnis des Benutzers betrifft. Es ist quasi das Ajax der Infrastruktur. Also auch nur ein Hilfsmittel um Unzulänglichkeiten der klassischen Konzepte zu überbrücken.
    VDI halte ich lediglich für ein unnötiges Festhalten an diesen Konzepten.

    Ähnlich wie man aufwendig Volltextsuche implementieren muss, wenn man nicht im Voraus für eine vernünftige Struktur seiner Datanbanken gesorgt hat, wird VDI dann interessant, wenn man Schwächen in der Applikationsschicht des Unternehmens mit Mitteln der Infrastrukur zu lösen versucht.

    Bevor man die Frage verneinen muss, ob man einen virtuellen Desktop auch auf seinem mobilen Endgerät nutzen kann sollte man als Entscheider eher auf Portierung der Anwendung setzen. Und zwar auf Konzepte die von allen Endgeräten verstanden werden.

    Web 3.0 und von mir aus Silverlight statt VDI. Offene, standardisierte Schnittstellen und diskrete Inhalte statt pauschalem Applikationschaos mit Plattformabhängigkeit.