Der Wandel von Dell zum IT-Dienstleister und Cloud-Provider

    Dell Teaser-BildDer Trend zum Cloud-Computing setzt die Hardware-Anbieter unter Zugzwang, weil die Verkäufe von Servern an Anwenderunternehmen langfristig rückläufig sind. Sie können sich daher entweder mit der Rolle als Lieferanten für die großen Rechenzentren von Microsoft, Google oder Amazon begnügen, oder selbst versuchen, Services anzubieten. Dell geht immer mehr den zweiten Weg, was zuletzt auch durch mehrere Zukäufe von Software- und Service-Anbietern zum Ausdruck kam. Einige neue Desktop-Services sind nun auch in Deutschland verfügbar.

    In der öffentlichen Wahrnehmung gilt Dell zwar immer noch als Online-Händler für PCs, Notebooks und Peripheriegeräte, allerdings weist der letzte Quartalsbericht (PDF) bereits 1,89 Mrd. des Gesamtumsatzes von 14,87 Mrd. Dollar für das Service-Geschäft aus. Das schnelle Wachstum dieses seit rund 5 Jahren vorangetriebenen Bereichs verdankt sich vor allem mehreren Übernahmen:

    • Silverback, ein Hersteller von Software für das System-Management (Monitoring, Patch-Management, Reporting). Die Zielgruppe der Firma vor ihrer Übernahme durch Dell waren etwa Managed Service Provider und Systemintegratoren, weil sich die Tools für das Remote Management einer großen Zahl von PCs eignen
    • Everdream, ein SaaS-Anbieter für Remote Service Management von Desktops und Notebooks
    • Perot Systems kommt 2009 für einen Kaufpreis von 3,9 Mrd. Dollar hinzu. Die Firma des ehemaligen Möchtegern-US-Präsidenten Ross Perot ist unter anderem auf Services mit dem Schwerpunkt auf IT-Infrastruktur und auf Consulting spezialisiert.
    • Die Übernahme von Kace erfolgt im März dieses Jahres. Die Firma stellt Appliances (Hardware und virtuelle) für das Asset- und Configuration-Management, OS- und Software-Deployment, Helpdesk u.v.m. her.

    Gesamtlösungen für IT-Infrastrukturen

    Die Zukäufe lassen eine klare Richtung zum Management von IT-Infrastrukturen erkennen, wobei sich Dell besonders mit Technologie und Know-how für (Remote) Managed Services sowie SaaS ausstattet. Als wesentlicher Zugang zum Service-Geschäft dienen erwartungsgemäß die Hardware-Verkäufe. Angesichts zunehmender Komplexität der IT-Systeme, etwa auch wegen der Virtualisierung von IT-Ressourcen und der steigenden Bedeutung neuer Desktop-Konzepte, sind besonders mittelständische Firmen immer weniger in der Lage, aus den ganzen Einzelkomponenten effiziente Infrastrukturen zu bauen.

    Zwar belastet der Unterhalt bestehender Systeme auch die IT-Budgets großer Unternehmen und schränkt ihren Spielraum für neue Projekte ein, die Geschäftsprozesse unterstützen und effizienter gestalten sollten. In der Regel erreichen sie aber einen höheren Automatisierungsgrad als Mittelständler, die daher oft wesentliche Aufgaben des IT-Managements vernachlässigen.

    Höhere Automatisierung von Mittelstands-IT

    Mit Hilfe von Managed Services und Cloud-Angeboten könnten solche Unternehmen eine höhere Qualität und Automatisierung ihrer IT erreichen. Das auf feste monatliche Gebühren ausgerichtete Modell vermeidet zudem den bisher nötigen hohen Kapitaleinsatz.

    Zuletzt kündigten gleich mehrere Hersteller an, dieses Marktsegment mit Managed Services bzw. der dafür nötigen Software anzugehen. Microsoft startet vor kurzem den Betatest für Intune, einem Cloud-basierten Service für das PC-Management. Citrix übernahm die Firma Paglo und bietet deren Online-Dienste für das System-Management unter der Bezeichnung GotoManage an. Kaseya richtet sich mit der Version 2 seiner Software vor allem an Managed Service Provider (MSPs).

    Dell trachtet nicht nur nach großen Outsourcing-Deals, sondern sucht alle möglichen Ansatzpunkte, um das bloße Hardwaregeschäft um zusätzliche Leistungen zu bereichern. Im einfachsten Fall zählt dazu etwa der Verkauf von Softwarelizenzen, etwa CALs für VMware View. Zusätzlich integriert Dell die Lizenzschlüssel in das BIOS der Desktop-Rechner, so dass sie in einer VDI-Umgebung von VMware sofort einsatzbereit sind.

    Dienste rund um Desktop-Virtualisierung

    Ein Schwerpunkt der Dell-Aktivitäten liegt bei der Umsetzung neuer Desktop-Konzepte, die auf der Modularisierung und Virtualisierung der Client-Installationen beruhen. Diese versprechen höhere Flexibilität und Kosteneinsparungen für die Anwender, sind aber komplexer und schwieriger zu realisieren als traditionelle Desktops. Dell springt dabei schon sehr früh auf den Zug bestimmter Technologien auf, auch wenn sich deren Erfolg noch nicht absehen lässt. Ein Beispiel dafür ist Dells Mitarbeit am XenClient, dessen Potenzial zwischen sehr spezifischer Nischenlösung bis zur Basistechnik eines neuartigen Desktop-Konzepts schwankt.

    Nach der Ankündigung von drei neuen Services im Rahmen seiner Flexible-Computing-Initiative bietet Dell in Deutschland folgende Desktop-bezogene Dienste an:

    • Virtual Remote Desktop: Dell hilft Unternehmen mit diesem Angebot dabei, Lösungen für virtuelle Desktops zu planen und zu realisieren, wahlweise auf Basis von VMware View oder XenDesktop. Für die Citrix-Variante hält Dell ein Komplettpaket auf Basis von Hyper-V bereit, das zusätzlich die Management-Tools von Microsofts System Center enthält.
    • Managed Virtual Client: Dabei handelt es sich um eine erweiterte Variante des Virtual Remote Desktop, weil Dell dabei nicht das System aufbaut, sondern zusätzlich auch betreibt. Die VDI-Umgebung kann sich entweder beim Kunden oder im Rechenzentrum von Dell befinden.
    • Application und Profile Virtualization: Dabei handelt es sich um einen der 3 neuen Services, zu dem Dell zurzeit allerdings noch keine genauen Angaben über die verwendeten Technologien machen kann. Hintergrund des Angebots ist die bei der Desktop-Virtualisierung geforderte Ablösung von Anwendungen und Benutzerprofilen von der Windows-Installation. Als Software für die Applikations-Virtualisierung dürfte aufgrund der engen Kooperation von Dell mit Microsoft, Citrix und VMware entweder App-V, XenApp oder ThinApp in Frage kommen. Noch weniger klar ist das Thema User-Virtualisierung, weil die großen VDI-Anbieter nur Funktionen für ihre Umgebungen anbieten und übergreifende Lösungen von kleineren Anbietern wie RES Software, Scense oder AppSense stammen.
    • On-Demand Desktop Streaming: Dahinter verbirgt die Implementierung der Provisioning Services von Citrix, eine von Ardence zugekaufte Software, die Windows per Streaming an den Client sendet. Auf diesem wird daher kein Betriebssystem installiert, er lädt vielmehr eine Kopie beim Start über das Netz. Die Provisioning Services sind, auch wenn sie technisch spektakulär wirken, eine Nischenlösung etwa für Schulungs­zentren und Bildungseinrichtungen, die für jeden Kurs auf Knopfdruck einen frischen Desktop benötigen. Auf Arbeitsplatz-PCs in Unternehmen haben sie relativ wenig Verbreitung gefunden. Citrix stellte den Verkauf des Provisioning Server for Desktops als eigenständiges Produkt mit dem Erscheinen von XenDesktop 4 ein.
    • Dedicated Remote Workstation: Es handelt sich dabei um einen Blade-PC, der Benutzern mit höheren Leistungsanforderungen einen dedizierten Client im Rechenzentrum zur Verfügung stellt. Die Übertragung der Grafikdaten erfolgt über PC-over-IP von Teradici, das auch in VMware View zum Einsatz kommt. Als Thin Client für die entfernte Workstation bietet Dell den FX 100 an, dessen Innenleben ebenfalls von Teradici stammt.

    Die Liste zeigt, dass die für die angebotenen Services genutzte Technologie durchwegs von anderen Anbietern stammt, vornehmlich von Microsoft, Citrix und VMware. Der eigene Anteil von Dell beschränkt sich im wesentlichen auf die Hardware. Darin kann man eine Schwäche von Dells Strategie sehen, weil die genannten Anbieter selbst Ambitionen zeigen, Cloud-Dienste und Managed Services anzubieten. Am deutlichsten zeigt sich das bei Microsoft, aber auch Citrix und VMware sind sehr aktiv, um sich hier als Player zu positionieren.

    In einem Geschäft, das über regelmäßige Nutzungsgebühren abgerechnet wird und das im Vergleich zum herkömmlichen Lizenzverkauf nur relativ geringe Margen abwirft, sind jene im Vorteil, die einen großen Teil der Wertschöpfung selbst erbringen. Angesichts des Preisdrucks auf Cloud-Provider haben es sicher jene schwerer, die teure Softwarelizenzen für die Erbringung ihrer Leistungen erwerben müssen. Deswegen gehören die heutigen Partner von Dell in Zukunft wahrscheinlich zu seinen gefährlichsten Konkurrenten.

    Keine Kommentare