Internet Explorer 9 (IE9): Microsoft akzeptiert die Macht des Web

    Internet Explorer 9Die Aufregung um den IE9 vermittelt den Eindruck, als würde er sich nach einem harten Konkurrenzkampf technologisch an die Spitze der Browser-Entwicklung setzen. Tatsache ist aber, dass Microsoft an diesem Rennen bisher bestenfalls mit angezogener Handbremse teilgenommen hat, weil es den Browser als Client für Anwendungen eigentlich gar nicht haben wollte. Mit dem IE9 stellt Microsoft jedoch erstmals Web-Applikationen mit Windows-Programmen gleich und vollzieht damit eine grundsätzliche Wende.

    Aus gutem Grund sah Microsoft im Web-Browser von Anfang an eine Bedrohung für sein milliardenschweres Windows-Business. Ein Client, der sich mit Hilfe von Markup- und Scriptsprachen programmieren lässt und den man über (plattformunabhängige) Plugins beliebig erweitern kann, ist der größte Feind des Win32- oder .NET-API. Entwickler können mit seiner Hilfe relativ einfach grafische Oberflächen gestalten, die überall laufen wo es einen Browser gibt, also auf praktisch allen Plattformen. Deshalb setzte Microsoft alle seine Mittel ein, um Netscape zu vernichten.

    Microsofts Marktführerschaft als Bremse für Innovation

    Danach tat die Firma genau das, was im Interesse ihres Windows-Geschäfts war. Dazu gehörten proprietäre Erweiterungen von Web-Standards und ihre inkompatible Implementierung, um die Rolle des Browsers als plattformunabhängiger Client zu beschädigen. Ein Marktanteil von über 90 Prozent während der ersten Hälfte des Jahrzehnts waren dann ein Anreiz, die Entwicklung des IE praktisch einzustellen.

    Die mangelnde Innovation beim Web-Browser, die Microsoft durch seine Untätigkeit und gleichzeitige Marktführerschaft herbeiführte, diente dem Unternehmen als Argument gegenüber Entwicklern, für anspruchsvolle Anwendungen doch auf Rich Clients für Windows zu setzen. Diese Position gibt ein Artikel des MSDN-Magazins aus dem Jahr 2002 gut wider:

    So what makes the rich client rich? The rich client has access to the windowing and GUI features of the operating system on which it runs. This means drag and drop editing, toolbars and menus, animation, and all of the other bells and whistles. These are the features that are often difficult or impossible to implement using markup languages such as HTML or even DHTML.

    Drei Jahre später zeigte Google mit Mail und Maps auf Basis des bereits seit 2001 aktuellen IE6, was mit HTML und Javascript möglich ist. Die Abwertung des Browsers als dummen Client klingt heute angesichts des allgegenwärtigen Ajax merkwürdig, eine Technik, die zwar von Microsoft erfunden, aber in den eigenen Anwendungen praktisch nicht eingesetzt wurde. Drag and Drop sind damit ebenso selbstverständlich wie insgesamt dynamische Web-Oberflächen.

    Alternative Technologien für Rich Internet Applications

    Microsoft dagegen unternahm mehrere Anläufe, um Windows-Technologien gegen den Browser zu positionieren. Im Zentrum stand dabei .NET. Der Browser sollte in diesem Zusammenhang nur als Distributionsmechanismus für das Web dienen und den Download von Managed Code veranlassen, der dann selbständig außerhalb der Browsers abläuft. Die Aktivitäten liefen unter verschiedenen Technologie-Etiketten, sei es Windows Forms, XAML oder Silverlight. Klar schien jedoch, dass die Zukunft für Web-basierte Anwendungen den RIAs gehöre und Microsoft sich besonders gegen Adobes Flash durchsetzen müsse.

    Die schleichenden Verluste von Marktanteilen des Internet Explorer durch die steigende Beliebtheit von Firefox konnte Microsoft nicht von diesem Kurs abbringen. Der Open-Source-Browser war zwar über Jahre der Innovationsmotor, aber der Mozilla Foundation fehlten die Ressourcen und das Geschäftsmodell, um den Browser neu zu erfinden.

    Google zwingt Microsoft zur Kursänderung

    Diese Rolle übernahm daher Google, als es vor zwei Jahren mit Chrome in den Markt einstieg. Es verfolgte damit explizit die Absicht, den Browser von einer Software für das Anzeigen von Web-Seiten zu einer leistungsfähigen Plattform für Anwendungen zu transformieren. Die Ankündigung von Chrome war der Weckruf für Microsoft und der steigende Marktanteil für den Google-Browser der Grund für das Umdenken beim IE9.

    Comic Google ChromeGoogle muss kein Desktop-Geschäft schützen wie Microsoft und ist daran interessiert, dass seine zahlreichen Cloud-Anwendungen auf möglichst allen Endgeräten einen leistungsfähigen Web-Client vorfinden. Obwohl Microsoft sein lukratives Desktop-Business bewahren möchte, setzt es neuerdings ebenfalls ganz auf die Cloud-Karte und ist daher in einer zwiespältigen Situation. Die Anwendungen der BPOS auf Fat Clients unter Windows zu beschränken würde sich als Wettbewerbsnachteil erweisen. Daher ist diese Abteilung innerhalb des Unternehmens daran interessiert, den IE als Frontend für Exchange, Sharepoint, etc. aufzuwerten.

    IE9-Innovationen kommen Applikationen zugute

    Tatsächlich verfolgen fast alle wesentlichen neuen Features im Internet Explorer 9 das Ziel, den Browser als Plattform für Applikationen zu verbessern. Das betrifft sowohl die Hardware-Beschleunigung der Darstellung durch die Nutzung von GPU-Funktionen als auch die minimalistische Oberfläche, die der Web-Anwendung den Vortritt lässt.

    Javascript-Benchmark Webkit SunspiderDas Gleiche gilt auch für die neue Javascript-Engine Chakra, die Bestandteil des Browser-Kerns ist und nicht nicht mehr wie die früheren Interpreter als COM-Komponente eingebunden wird. Die insgesamt erzielten Performance-Verbesserungen für Scripts leisten einen wesentlichen Beitrag zur Aufwertung des IE als Frontend für Anwendungen.

    Als starke Konkurrenz für proprietäre RIA-Techniken wie Flash und Silverlight gelten HTML 5 und SVG, die vom IE in der Version 9 unterstützt werden (im Fall des noch nicht standardisierten HTML 5 eine Teilmenge der neuen Elemente). Zwar bleibt für die etablierten Technologien von Adobe und Microsoft weiterhin ein Bedarf, aber den Anspruch, den Browser bei allen halbwegs anspruchsvollen Oberflächen komplett zu ersetzen, müssen die Hersteller endgültig aufgeben.

    Windows als bestes OS für Web-Anwendungen

    Die Fortschritte bei der Browser-Entwicklung, die vor allem von Google angestoßen wurden, lassen Microsoft keine andere Wahl, als auf den Zug aufzuspringen und den IE auf ein konkurrenzfähiges Niveau zu bringen. Weiteres Abwarten würde den Trend zu Web-Anwendungen nicht aufhalten und nur der Konkurrenz das Feld überlassen. Die Nutzung der GPU-Funktionen zum beschleunigten Aufbau von Web-Seiten ausgenommen, zieht Microsoft bei vielen neuen Funktionen nur gegenüber der Konkurrenz nach (Download-Manager, schnellere Javascript-Engine, SVG-Support, Drag-and-Drop-Registerkarten, etc).

    Registerkarten des IE9 lassen sich an die Taskbar anheftenDer unaufhaltsame Trend zu Web-Anwendungen veranlasst Microsoft nicht nur zur Verbesserung des IE, sondern auch zur engeren Integration der Browser-basierten Apps in den Desktop. Auf diese Weise sollen sie mit traditionellen Windows-Programmen gleichgestellt werden, besonders durch die Unterstützung für Jumplists, Aero Snap oder das Anheften an der Taskleiste. Die Aufnahme von Website-spezifischen Befehlen in die Jumplist erfordert jedoch die Integration von proprietären Meta-Tags in die betreffenden HTML-Seiten.

    Microsoft geht mit einem gewissen Recht davon aus, dass herkömmliche Windows-Anwendungen besonders in den Unternehmen noch für lange Zeit eine wichtige Rolle spielen werden. Wenn Windows zudem eine der besten Plattformen für Web-Anwendungen ist, so das Kalkül, dann sollte es auch in einer Welt gemischter Applikationen nicht so schnell an Bedeutung verlieren. Aber mit dem IE9 räumt Microsoft ein, dass Windows-spezifische Programmiermodelle am Client die beste Zeit hinter sich haben.

    1 Kommentar

    Bild von Lutz Wagner
    Lutz Wagner sagt:
    7. Oktober 2010 - 15:04

    Guter Artikel.
    Sehr klar herausgestellt die Motivation MS's, durch gewollte Inkompatibilitäten seiner eigenen Browser die Web-Technologie als Anwendungsplattform insgesamt in Mißkredit zu bringen.

    Diesen Artikel sollte man jedem User, der auf seinem Windows immer noch wie selbstverständlich auch den IE einsetzt, zum Lesen geben. Gottseidank werden sie langsam weniger ...

    Was ich mir in dem Artikel allerdings gewünscht hätte, wäre eine etwas kritischere Wertung des IE9. Mag schon sein, dass er seinen Widerstand gegen etablierte Standards weitgehend aufgegeben hat. Aber man sollte nicht blauäugig sein: Die Rückkehr zu alten Untugenden dürfte für MS immer eine Option sein, wenn der IE9 sich erst durchgesetzt hat und die alte Marktmacht wieder hergestellt ist.

    Viele Grüße,
    Lutz Wagner