Novells zögerliche Virtualisierungsstrategie

    BildIn einem kürzlichen Interview mit ZDNet Asia dämpfte Novells CTO Moiz Kohari die herrschende Virtualisierungs­euphorie. Während Paul Maritz, CEO von VMware, schon letztes Jahr auf der VMworld propagierte, dass mit vSphere alle Server eines Rechenzentrums virtualisiert werden sollten, kapriziert sich Kohari auf Anwendungen, die sich gegen eine Virtualisierung sträuben. In einem Gespräch mit Holger Dyroff, Vice President Novell SUSE LINUX Products, verstärkte sich mein Eindruck von der defensiven Strategie Novells.

    Hier einige wesentliche Positionen:

    • Wie Kohari verwies Dyroff auf Anwendungsszenarien, die sich nicht gut für die Virtualisierung eignen. Sein Beispiel bezog sich auf einen Novell-Kunden, der für rechenintensive Simulationen eine Vielzahl von Servern permanent hoch auslastet. Der übliche Virtualisierungsverlust von 6% bis 8% müsste durch zusätzliche Server kompensiert werden. Dieses Szenario ist aber absolut untypisch, die meisten Firmen müssen ihre Hardware für Spitzenlasten auslegen und erreichen für ihre nicht virtualisierten Server im Schnitt nur eine geringe Auslastung. Virtualisierung soll daher bei der flexiblen Nutzung von Ressourcen helfen.
    • Angesichts der enormen Rechenleistung moderner Prozessoren definieren sie immer weniger die Grenze für Workloads, vielmehr wird der Arbeitsspeicher zunehmend zum Flaschenhals. Interessant ist diese Aussage im Zusammenhang mit dem Streit zwischen Microsoft und VMware um den Nutzen von Memory Overcommit.
    • Besonders Microsoft und Citrix wollen den Eindruck vermitteln, dass sie mittlerweile eine zu vSphere ebenbürtige Virtualisierungslösung anböten, und das für einen niedrigeren Preis. Dyroff räumt indes ein, dass VMware noch einen deutlichen Entwicklungsvorsprung und eine wesentlich mächtigere Plattform habe.
    • Novell sieht seine Chance darin, dass in Unternehmen immer öfter hertogene Umgebungen aus verschiedenen Virtualisierungssystemen entstehen. Mit Produkten wie Platespin Migrate könnte es dabei helfen, VMs zwischen verschiedenen Plattformen zu migrieren. Allerdings scheint mir zweifelhaft, ob Unternehmen wirklich dauerhaft mehrere Virtualisierungsplattformen parallel einsetzen wollen. Die Abhängigkeit der VMs von den Systemen ist relativ gering, so dass die Konsolidierung auf Basis einer Lösung vergleichsweise leicht fällt - ganz anders als bei Betriebssystemen, die eine Portierung von Anwendungen sehr schwer machen.
    • Eine weitere Nische für Novell ortet Dyroff in der Bewältigung von Heterogenität, die durch die Auslagerung von Workloads von privaten in öffentliche Clouds bewältigt werden muss. Allerdings ist es wahrscheinlicher, dass die großen Cloud-Anbieter diese Integrationsaufgabe selbst übernehmen und nicht tausende ihrer Kunden in ihren Rechenzentren diesen Aufwand treiben müssen.
    • Nach der strategischen Weichenstellung von Linux-Marktführer Red Hat weg von Xen und hin zu KVM wird häufig über die Zukunft von XEN spekuliert, weil Zweifel bestehen, wie stark Citrix als Eigentümer von XenSource noch hinter der Entwicklung des Open-Source-Hypervisors steht. Novell ringt sich hier zu keiner klaren Position durch. Dyroff erwartet zwar, dass KVM in zwei oder drei Jahren der führende Hypervisor in der Linux-Welt sein wird und überlässt Red Hat dabei die Initiative. In der Zwischenzeit fährt man weiter den Xen-Kurs und wartet die Entwicklung ab.
    • Im Vergleich zu Red Hat sind die Virtualisierungsambitionen von Novell verhalten (keine Aktivitäten bei VDI, keine mit Deltacloud vergleichbaren Pläne). Darüber hinaus ist auch der Open-Source-Kurs halbherzig. Während Red Hat sein gesamtes Portfolio als freie Software publiziert, wirkt bei Novell die Kombination aus offener und proprietärer Software relativ willkürlich. Während die Botschaft von Red Hat klar und eindeutig ist, kann man das von Novell nicht behaupten.

    2 Kommentare

    Bild von Martin Hiegl
    Martin Hiegl sagt:
    3. Februar 2010 - 16:20

    ... diese Positionierung von Novell. Wenn man sich die Power-Umgebungen mit AIX anschaut, dann sieht man dass eine Vollvirtualisierung nicht nur theoretisch problemlos möglich ist, sondern seit Jahren erfolgreich praktiziert wird (und noch länger natürlich auf dem Mainframe). Novell muss da aufpassen, dass sie nicht plötzlich den Anschluß verlieren.

    Bild von Andrej Radonic
    3. Februar 2010 - 22:35

    M.E. hat Novell im Virtualisierungsgeschäft den Anschluß schon verpaßt. Irgendeine Strategie (Red Hat mit KVM) ist immer noch besser als keine. Weder hat Novell entscheidenden Anteil an der Hypervisor-Entwicklung von Xen noch wurden im Segment der Management-Tools nennenswerte Dinge produziert.