OpenOffice wird LibreOffice: Googles Rache an Oracle für Android-Klage


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    LibreOfficeDas Open-Source-Portfolio von Sun bereitet Oracle einige Probleme. So drohte MySQL zum Stolperstein für die Übernahme zu werden und die Aufgabe von OpenSolaris sorgte für Unmut in der Open-Source-Szene. Die Klage gegen Google wegen der Verwendung von Java in Android blähte Google lautstark zum Angriff von Oracle gegen freie Software insgesamt auf. Die aktuellsten Turbulenzen betreffen OpenOffice, das Google zusammen mit anderen Unternehmen der Kontrolle von Oracle entziehen möchte.

    Während Oracle noch überlegte, wie es mit der quelloffenen Büro-Suite verfahren sollte, gründeten führende Mitglieder des Projekts mit Unterstützung von Google, Red Hat, Novell und anderen Herstellern die Document Foundation, die für die Weiterentwicklung von OpenOffice unter der Bezeichnung LibreOffice zuständig sein soll. Oracle, das aufgrund der Sun-Erbschaft bisher die Kontrolle ausübte, wurde eingeladen, der neuen Foundation beizutreten und ihr die Marke OpenOffice zu übertragen.

    In einer FAQ begründen die abtrünnigen Entwickler ihren Schritt damit, dass das Projekt einer neuen und demokratischen Organisationsform bedurft habe, um weiter voranzukommen. Sie spielen damit unter anderem auf die von Sun eingeführte Praxis an, dass alle Entwickler, die zu OpenOffice beitragen wollten, erst einen Vertrag unterzeichnen mussten, in dem sie die Urheberrechte an den Hersteller abtraten.

    Auswirkungen auf OpenOffice

    OpenOffice.org: Keiner mehr zu Hause?Nachdem Sun und Oracle mit ihren Mitarbeitern den größten Beitrag zu Entwicklung von OpenOffice leisteten, könnte der Hersteller das Projekt auch alleine weiterführen. Die Zukunft von OpenOffice hängt primär davon ab, welche Ressourcen Oracle dafür weiterhin investieren möchte. Unklar ist zudem, wie viele der führenden Köpfe zur Document Foundation gewechselt sind. Die OpenOffice.org-Website macht einen relativ verlassenen Eindruck, seit der Ankündigung der Version 3.3 Anfang August findet sich dort kein neuer Eintrag mehr. Die Infrastruktur auf CollabNet stand laut FAQ schon seit der Sun-Übernahme vor der Aufgabe.

    Welche Richtung LibreOffice einschlagen wird, ist derzeit noch nicht klar. Allerdings begründet das Team die separaten Namen für die Organisation und die Software damit, dass die Document Foundation nach dem Vorbild der Mozilla Foundation noch weitere Projekte beginnen könnte.

    Auch unter lizenzrechtlichen Aspekten zeichnen sich keine Änderungen ab. OpenOffice stand schon seit der Version 2 ausschließlich unter LGPL, die auch für die Abspaltung LibreOffice bindend ist. Die Foundation wird einen strikten Open-Source-Kurs verfolgen, zumindest lässt sich das aus den Kommentaren von Richard Stallman entnehmen, der besonders hervorhebt, dass die Document Foundation keine "unfreien" Plugins empfehlen werde.

    Konsequenzen für Oracles Office-Pläne

    Oracle ist nicht als Player im Markt für Office-Software bekannt, es unternahm aber schon mehrere Anläufe mit Messaging- und Collaboration-Systemen, allerdings mit geringem Erfolg (InterOffice, Oracle Collaboration Suite, Beehive). OpenOffice ist noch ganz traditionell auf die persönliche Produktivität ausgerichtet, während Microsoft sein Office schon länger als Frontend für verschiedene Backend-Dienste im Enterprise ausrichtet. So ist Excel als Client für die BI-Funktionen des SQL Server vorgesehen, Outlook dient als Messaging-Frontend für Exchance und Lync (zuvor Office Communication Server), das ehemalige Groove ist nun unter der Bezeichnung Sharepoint Workspace der offline-fähige Client für Sharepoint, etc.

    Nachdem Oracle aufgrund seiner zahlreichen Akquisitionen ein breites Portfolio an Enterprise-Anwendungen besitzt, plant das Unternehmen, OpenOffice eine ähnliche Rolle zuzuweisen wie Microsoft, besonders als Forntend für BI und seine Produkte für das Enterprise Content Management. Nachdem Larry Ellison das Angebot der Document Foundation zur Mitarbeit kaum annehmen dürfte, stellt sich die Frage, ob er ohne die Unterstützung der Community OpenOffice erfolgreich weiterführen und diese Strategie umsetzen kann (Update: Oracle hat mittlerweile eine Teilnahme an der Document Foundation abgelehnt).

    Neben OpenOffice verfolgt Oracle noch weitere Office-Pläne, und zwar mit einer Web-basierten Variante, die es ebenfalls von Sun geerbt hat. Das so genannte Cloud Office soll auch als Service angeboten werden und wie OpenOffice das Open Document Format unterstützen. Technische Einzelheiten zu dem Produkt sind nicht bekannt, aber es soll mit JavaFX programmiert werden und offenbar nicht auf OpenOffice beruhen. Oracle spricht nur allgemein von einer engen Integration mit OpenOffice, wobei sich nach der Abspaltung von LibreOffice zeigen muss, was daraus wird.

    Welchen Nutzen hat Google von LibreOffice?

    Ein wesentlicher Effekt der Abspaltung von LibreOffice aus OpenOffice ("fork") besteht im Image-Schaden für Oracle, das drauf und dran ist, Microsoft in der Open-Source-Szene als Reich des Bösen abzulösen. Darüber hinaus könnte LibreOffice als Modell für andere freie Produkte aus dem Sun-Bestand und als Drohung gegenüber Oracle gelten, allen voran für Java, MySQL und VirtualBox. Wenn Oracle weiterhin allzu forsch mit der Open-Source-Community umspringt oder versucht, freie Software wieder in eine geschlossene Entwicklung zurückzuführen, dann könnte Google zusammen mit anderen Herstellern die führenden Programmierer abwerben und diese auf Basis der frei verfügbaren Quellen weiterarbeiten lassen.

    In Hinblick auf die eigenen Office-Ambitionen mit Google Docs ist kein unmittelbarer Vorteil durch die Aufspaltung von OpenOffice erkennbar. Allerdings zeigt sich, dass die Web-basierten Tools noch lange Zeit kein Ersatz für die etablierten Desktop-Programme sein werden. Microsoft muss daher nicht so bald um sein Office-Monopol fürchten und kann seine starke Position für den Aufbau von Office als Service nutzen.

    Wenn Google zukünftig die Ausrichtung der wichtigsten Office-Alternative zu Microsoft stärker beeinflussen kann, dann stärkt das insgesamt seine Position in diesem Markt. Durch eine enge Abstimmung zwischen Docs und LibreOffice könnte es sein Web-Office um eine funktionsreichere sowie offline-fähige Desktop-Software ergänzen und so besser in Unternehmen Fuß fassen. Aufgrund seiner finanziellen Mittel und seiner Vertriebsmacht ist Google damit in der Lage, den Rivalen aus Redmond weit stärker unter Druck setzen als Sun das je konnte.

    In Hinblick auf Oracles Pläne mit Cloud Office ist es für Google sicher kein Nachteil, wenn Larry Ellison genau jene Synergieeffekte nur beschränkt nutzen kann, je nachdem wie erfolgreich es OpenOffice fortführen kann. Da Oracle mit seinen Web-Anwendungen nicht so bald auf den Markt kommen wird, spielt es im Office-Segment vorerst keine wesentliche Rolle.

    Wo bleibt die IBM?

    Die IBM ist einer der großen Nutzer von OpenOffice, das sie unter der Bezeichnung Symphony in Lotus Notes/Domino und in seinen Portal-Server integriert. Außerdem ist es als eigenständiges Produkt verfügbar. Es handelt sich dabei allerdings de facto um eine weitere Abspaltung von OpenOffice, da IBM eine eigene Codebasis pflegt, die noch auf OpenOffice 1.x beruht und erst mit Symphony 3 auf OpenOffice 3.x aufsetzt. Darüber hinaus integrierte IBM das Java-Framework Expeditor, um die Office-Tools als Komponenten in Composite Applications verwenden zu können.

    Das Verhältnis von IBM zu OpenOffice und Sun war gespannt, weil Big Blue offenbar trotz ihrer ausgiebigen Nutzung nur wenig zur Weiterentwicklung der Software beitrug. Nachdem LibreOffice nun der Kontrolle von Oracle/Sun entzogen ist und die Foundation den Kurs selbst bestimmen kann, wird IBM vermutlich ernsthaft über einen Beitritt zur neuen Organisation nachdenken. Merkwürdig ist jedoch, dass ein ganzes Konsortium von Herstellern die Document Foundation mitbegründete, aber ein Schwergewicht wie die IBM entweder nicht eingeladen wurde oder daran nicht interessiert ist. Bis dato gibt es keinerlei Stellungnahmen von IBM zu LibreOffice.

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