Oracle gegen Google - Hintergründe und Auswirkungen auf andere Hersteller

    Oracle gegen GoogleAm 13. August reichte Oracle gegen Google Klage ein wegen angeblicher Verletzungen von Patenten und Urheberrechten. Gegenstand des Streits ist Googles Java-Implementierung für Android ("Dalvik"). Der Rechtsstreit droht nicht nur Java als Plattform zu beschädigen, sondern kann weite Kreise über Google und Android hinaus ziehen. Der Ausgang dieser Causa ist auch für Apple, Microsoft und VMware wichtig. Hier einige wesentliche Punkte, die den Hintergrund dieser Auseinandersetzung verständlich machen sollen.

    Um zu verstehen, worum es in diesem Streit geht, muss man wissen, welchen Anlass Google für die Klage geliefert hat. Die Firma wählte Java als bevorzugte Programmiersprache für Android, konnte sich offenbar aber nicht mit Sun auf Bedingungen für die Lizenzierung von Java ME einigen. Google ging es darum, Hardware-Herstellern ein frei verfügbares System anzubieten, während Sun die Kontrolle nicht aus der Hand geben und Geld mit Java ME verdienen wollte. Gleichzeitig war Sun mit Java ME aber nur mäßig erfolgreich und investierte aufgrund seiner wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu wenig in die Entwicklung der Plattform, um sie für die Anbieter von Mobiltelefonen interessant zu machen.

    Suns Lizenzmanöver bei Java ME

    Stefano Mazzocchi, unter anderem Gründer des Cocoon-Projekts bei Apache, beschrieb schon 2007 anlässlich der Ankündigung von Android die lizenzrechtlichen Schachzüge von Sun, um sich einerseits als Open-Source-Company darzustellen, andererseits aber die Kontrolle über Java zu behalten. So stellte Sun Java zwar unter der GPL v2, ergänzte sie für Java SE jedoch um eine Ausnahme, so dass darauf laufende Anwendungen nicht der GPL unterworfen werden müssen. Damit niemand in Versuchung geraten würde, die Apache-Implementierung dieser Edition für Mobiltelefone anzupassen, schloss Sun solche Geräte explizit vom Nutzungsrecht aus.

    Die für Java SE formulierte Ausnahme galt jedoch nicht für Java ME, so dass Hersteller von Smartphones gezwungen wären, alle ihre Anwendungen als Open Source freizugeben oder für Java eine kostenpflichtige (proprietäre) Lizenz zu erwerben.

    Dalvik ist nicht Java

    Google versuchte diesem Dilemma durch eine so genannte Clean-Room-Implementierung einer Java Virtual Machine (JVM) zu entgehen. Eine solche wird von Programmierern entwickelt, die den Code der Originaltechnologie nicht kennen und weitgehend isoliert von der Außenwelt arbeiten. Diese Andoid-JVM namens Dalvik führt keinen Java-Bytecode aus, sondern verwendet ihr eigenes Binärformat. Allerdings benötigt Google den Java-Bytecode als Zwischenschritt, um daraus das Dalvik-Format zu generieren.

    Google erreichte damit zwei Ziele: es umging die Kontrolle von Sun und die damit verbundenen Zwänge, mit den Spezifikationen von Java ME kompatibel sein zu müssen. Außerdem konnte es das gesamte Android unter die liberalere Apache License stellen und war nicht mehr an die GPL gebunden. Letztlich nutzte Google Java nicht als Plattform, sondern nur als Programmiersprache, um ihre große Entwicklergemeinde für Android zu gewinnen.

    Sun scheute den Konflikt mit Google

    Solange Sun noch eigenständig war, konnte Google relativ sicher sein, dass Sun nicht wegen Patentverletzungen klagen würde, obwohl die Firma in dieser Angelegenheit schon gegen Microsoft vor Gericht gezogen war und 2004 im Rahmen einer Einigung 1,6 Mrd. Dollar aus Redmond erhielt. Redmonk-Analyst Stephen O'Grady geht davon aus, dass Sun aufgrund seiner desolaten wirtschaftlichen Lage die Kosten für einen Rechtsstreit scheute und zudem Java als Plattform nicht gefährden wollte. Angesicht der wachsenden Popularität dynamischer Sprachen scheint Java seinen Zenit ohnehin schon überschritten zu haben, und Sun wollte nicht zusätzlich das Open-Source-Lager gegen sich aufbringen.

    Oracle ist notorisch für seinen aggressiven Stil und wenig besorgt um seinen Ruf. Allerdings sind die Meinungen darüber geteilt, was Oracle tatsächlich erreichen will - ob es wie bei Sun gegen Microsoft einen Milliardenbetrag erstreiten will oder Google zwingen möchte, Dalvik aufzugeben. Letzteres kann aber nicht im Interesse von Oracle sein, weil sich sonst Alternativen durchsetzen, die Java überhaupt nicht verwenden. Am wahrscheinlichsten ist, dass Oracle am aufstrebenden Mobile-Business von Google dauerhaft über Lizenzgebühren für die angeblich verletzten Patente mitverdienen will.

    Die Ironie an der Klage besteht darin, dass ohne Googles Sonderweg Java auf Mobiltelefonen keine wesentliche Rolle spielen würde. Weder Sun noch Oracle konnten und können in diesem Markt eine glaubwürdige Strategie vorweisen.

    Klage gegen Google schon beim Sun-Kauf einkalkuliert

    Auch wenn die Nachricht von Oracles Klage gegen Sun die Branche überraschte, kam sie doch nicht ganz unerwartet. Die Möglichkeit, auf diesem Weg einen Teil des Kaufpreises für Sun wieder hereinzuspielen, war offenbar von Anfang an Teil der Kalkulation. James Gosling, der sich wie viele andere Sun-Ingenieure nicht mit der Unternehmenskultur von Oracle arrangieren wollte und die Firma mittlerweile verließ, berichtet, dass eine Klage gegen Google schon bei den Integrationsgesprächen eine wesentliche Rolle spielte.

    Auch wenn Sun in der Vergangenheit die Auswüchse des amerikanischen Patentwesens anprangerte und den Eindruck erweckte, als wollte es selbst solche Klagen vermeiden, scheint CEO Jonathan Schwartz den Wert der möglichen Ansprüche gegen Google durchaus gekannt zu haben. Der Gründer des Mono-Projekts, Miguel de Icaza, behauptet, dass Schwartz bei der Suche nach einem Käufer für Sun aktiv mit dieser möglichen Einnahmequelle geworben habe.

    Interessant an der von Oracle eingebrachten Klage ist, dass sie sich nicht auf Patente beruft, die sehr genau auf die Java-Technologie zugeschnitten sind. Wie Charles Nutter in seiner langen und ausführlichen Analyse auseinandersetzt, gründen die Vorwürfe wie so oft bei derartigen Rechtsstreitigkeiten auf Trivialpatenten.

    Eines davon bezieht sich beispielsweise auf ein Verfahren zur effektiveren Kompression von vielen kleinen Dateien, im Fall von Java sind das .class-Files. Es beruht darauf, die kleinen Dateien in ein Archiv zu packen und dann dieses zu komprimieren, weil der ZIP-Algorithmus bei großen Dateien bessere Ergebnisse erzielt. Aus diesem Grund hat sich in der Unix-Welt schon lange tar.gz (ein komprimiertes tar-Archiv) eingebürgert.

    Auswirkungen auf andere Hersteller

    Apple

    Einer der wesentlichen Beweggründe für Google, Android zu starten, war angeblich, dass es eine zu starke Marktposition des iPhone verhindern wollte, da Steve Jobs plante, sein geschlossenes System aus Hardware, Software und Online-Services für ein eigenes Werbe-Business zu nutzen. Mit zunehmender Bedeutung mobiler Clients wäre dies eine Bedrohung für Googles Kerngeschäft. Android ist auf bestem Weg, das iPhone zu überholen, auf dem US-Markt ist es ihm bereits gelungen. Wenn Oracle mit seiner Klage die Smartphone-Hersteller genügend verunsichern und den Siegeszug der Plattform stoppen kann, ist Apple einer der großen Profiteure.

    Microsoft

    Steve Ballmer dürfte die aktuelle Lage von Google bekannt vorkommen, nachdem seine Firma wegen der Windows-spezifischen Java-Implementierung von Sun bereits verklagt wurde. Nachdem Microsoft über Jahre bei Betriebssystemen für Mobilgeräte an Boden verloren hat und mit dem Windows 7 Phone einen neuen Anlauf versucht, kommen ihm die Probleme von Google wie gerufen. Bei einer Beschädigung von Android durch die Klage von Oracle wäre Microsoft einer der möglichen Nutznießer.

    VMware

    Die Virtualisierungs-Company steht angesichts der erstarkten Konkurrenz unter Zugzwang und möchte seine Plattform über den Hypervisor hinaus bis zu Middleware und Anwendungen ausdehnen. Im Zuge dieser Ambitionen übernahm es Springsource, einen Anbieter eines Open-Source-Frameworks für Java. In dessen Portfolio befindet sich der TC Server, der wie Dalvik der Apache License unterliegt. Ein weiterer Schnittpunkt mit Google besteht darin, dass die beiden Unternehmen zusammenarbeiten, um mittels Springsource Java auf Google AppEngine zu bringen.

    Wenn Google den Prozess verliert oder schon vorher klein beigibt, dann könnte Oracle ermutigt sein, auch bei VMware zu kassieren. Microsoft könnte nur recht sein, wenn Oracle neben seinem Erzrivalen Google auch VMware, einen weiteren harten Konkurrenten, schwächt.

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