RHEV 2.2 bringt Desktop-Virtualisierung - eine erste Einschätzung

    Red Hat Desktop VirtualizationEineinhalb Jahre nach der Übernahme von Qumranet integriert Red Hat die mitgekaufte VDI-Lösung in Enterprise Virtualization (RHEV) 2.2, das eben als Betaversion angekündigt wurde. Enterprise Virtualization for Desktops umfasst alle wesentliche Bausteine für die Desktop-Virtualisierung, ihm fehlen aber noch Tools für die Applikationsbereitstellung und das Management der User-Profile.

    Open-Source-Stack für VDI

    Die Desktop-Virtualisierung baut erwartungsgemäß auf die Basiskomponenten des Red-Hat-Pakets auf, nämlich den KVM-Hypervisor und den Virtualization Manager. Dieses Browser-basierende Verwaltungs-Tool bietet eine einheitliche Oberfläche für das Management von Server und virtuellen Desktops. Als spezifische VDI-Komponente kommt wie in dieser Produktkategorie üblich ein Connection Broker hinzu, der Benutzer mit ihrem zentralen Desktop verbindet.

    Wie die meisten Konkurrenzprodukte unterstützt der Broker sowohl individuelle Desktops, die einem Benutzer fest zugewiesen sind, und Desktop-Pools. Letztere bestehen aus virtuellen PCs, an denen sich alle zugelassenen Benutzer anmelden können, sobald er frei ist. Sie funktionieren wie gemeinsam genutzte PCs in der physikalischen Welt, auf dem jeder Mitarbeiter sein eigenes Profil und somit seine eigene Arbeitsumgebung erhält.

    Eigenes Remoting-Protokoll

    Als kritische Bausteine zur Erzielung eines akzeptablen Benutzererlebnisses erweisen sich Remoting-Protokolle, mit denen die Bildschirmausgaben des entfernten Desktops auf das lokale Endgerät übertragen werden. Die jüngste Ankündigung von RemoteFX durch Microsoft, die enge Kooperation von VMware mit Teradici bei PCoIP und der laufenden Fortschritte von Citrix HDX/ICA demonstrieren den Wettlauf der Anbieter bei dieser VDI-Kerntechnik. Red Hat bereichert die Konkurrenz mit einem eigenen Protokoll namens SPICE ("Simple Protocol for Independent Computing Environments"). Allerdings harrt diese Version 1.0 nach wie vor seiner Fertigstellung, diese ist nicht vor Mitte 2011 zu erwarten.

    Interessant an SPICE ist, dass es je nach Leistungsfähigkeit des Endgeräts automatisch einen Client- oder Host-zentrischen Ansatz verfolgt. Handelt es sich dabei um einen Windows-PC, schickt der Server die Grafikanweisungen an das Frontend, das diese selbst ausführt. Bei einem Thin Client hingegen übernimmt das Rendering der Server und sendet die Grafikdaten als komprimierte Bitmaps an das Endgerät.

    Mit der Verfügbarkeit von RemoteFX bietet auch RDP diese beiden Optionen, allerdings gibt es bis jetzt keinen Hinweis darauf, dass RDP abhängig von den Fähigkeiten des Clients automatisch zwischen den beiden Modi umschalten kann.

    SPICE soll zudem folgende Features bieten:

    • Hochauflösende Anzeige mit 32-Bit Farbtiefe
    • Multi-Monitor-Unterstützung mit bis zu 4 Bildschirmen
    • Bidirektionales Audio und Video
    • USB Redirection: Benutzer können im virtuellen Desktop USB-Geräte ansprechen, die sie an ihr lokales Endgerät angeschlossen haben
    • WAN Optimierung: Kompression der übertragenen Daten für schmalbandige Verbindungen

    Verlagerung des Desktops ins Rechenzentrum reicht nicht

    Für die zweite Generation von VDI-Systemen gilt allgemein die Anforderung, dass mehr können müssen, als den klassischen monolithischen Desktop einfach in das Rechenzentrum zu verlagern. Die mit Desktop-Virtualisierung verknüpfte Hoffnung auf einfachere Administration und die damit verbundenen Kostenvorteile ließen sich damit bestimmt nicht einlösen.

    Vielmehr verfolgen praktisch alle Anbieter mittlerweile das Konzept, den Desktop in seine Schichten aufzutrennen und diese zur Laufzeit dynamisch zusammenzufügen. Das Systemabbild, das sich möglichst viele Desktops teilen, enthält im Idealfall nur Windows und die von allen Benutzern benötigten Anwendungen.

    Um eine herkömmliche Installation von Software bei virtuellen Desktops zu vermeiden, können Applikationen entweder über einen Terminal-Server eingeblendet oder mit Hilfe von Applikations-Virtualisierung in die entfernte Arbeitsumgebung gestreamt werden.

    Wettbewerber mit Tools zur Anwendungsbereitstellung

    Die wichtigsten VDI-Anbieter haben derartige Tools im Portfolio. VMware kaufte Thinstall und benannte das Tool zur App-Virtualisierung es in ThinApp um, Citrix integrierte ensprechende Funktionen in XenApp, das nun beide Möglichkeiten zur Auslieferung von Anwendungen beherrscht. Microsoft verfügt über die Terminaldienste (nun Remote Desktop Services, RDS) und über App-V.

    Red Hat besitzt keine solche Software zu dynamischen Publizierung von Anwendungen. Es steht Unternehmen natürlich frei, dafür die RDS einzusetzen oder ein Tool zur Applikations-Virtualisierung zuzukaufen. Wer als Endgerät einen Windows-PC nutzt, benötigt ohnehin eine Software Assurance für den Client, so dass aus ökonomischen Gründen der Erwerb von MDOP mit dem darin enthaltenen App-V nahe liegt. Red Hat wird aufgrund einer Kooperation mit Installfree (PDF) jedoch dessen Produkt empfehlen.

    Management der User-Profile nicht abgedeckt

    Ähnlich sieht die Situation beim Management der Benutzerprofile aus. Citrix und VMware haben sich mit entsprechenden Lösungen eingedeckt, VMware zuletzt durch den Kauf von RTO Virtual Profiles. Zum einen soll mit solchen Tools verhindert werden, dass Benutzerprofile fest an bestimmte Instanzen von virtuellen Desktops gebunden werden.

    Zusätzlich sind sie auch als Alternative zu den Windows-eigenen Server-gespeicherten Profilen gedacht, die aufgrund ihres Designs für VDI kaum brauchbar sind. Anwender von Red Hat Enterprise Virtualization for Desktops werden zumindest bei größeren Installationen ein Produkt von Drittanbietern benötigen.

    Deduplizierung für Desktop-Images

    Um ein komplettes Desktop-Image für jeden Benutzer zu vermeiden, bietet Red Hat eine Funktion mit der Bezeichnung "Linked Images". Sie ist vergleichbar mit der Technik, die VMware Linked Clones nennt und in View Composer eingesetzt wird. Wird ein benutzerspezifisches Images von einem Master-Abbild abgeleitet, dann speichert das System nur die Differenz, um Speicherplatz zu sparen. Patches für das Betriebssystem müssen dann nur in das gemeinsam genutzte Haupt-Image eingespielt werden.

    Wie gut ist der Support für Windows?

    Zuletzt bleibt natürlich die Frage, wie gut sich die Software eines Linux-Anbieters eignet, um Desktops zu virtualisieren, die in ihrer Mehrheit unter Windows laufen. Technisch bedarf es für eine ansprechende Performance paravirtualisierter Treiber für Netzwerk- und Speicherzugriffe, zudem sollte es für eine solche Konstellation Support durch Microsoft geben. Bis dato weist die Website von Red Hat nur Zertifizierungen für Windows Server aus. Allerdings befindet sich Red Hat Enterprise Virtualization noch in der Betaphase, so dass noch Zeit bleibt, diese Aufgaben zu erledigen.

    Keine Kommentare