Trends 2010: Der Web-Browser als der neue Desktop

    Internet Explorer 9Von Marc Andreessen stammt der Spruch, dass der Netscape-Browser die Rolle von Windows auf ein "poorly debugged set of device drivers" reduzieren werde. Zumindest der Teil der Prophezeiung, der die Rolle von Netscape betrifft, stellte sich relativ bald als falsch heraus. Aber die Zeit arbeitet gegen herkömmliche Desktop-Betriebssysteme, so dass Microsoft den kommenden Tatsachen ins Auge sehen muss.

    Der grundsätzliche Trend, wonach der Web-Browser zum universellen und plattformneutralen Client aufsteigt, ist seit Jahren unübersehbar. Die meisten neuen Anwendungen sind mit einer Web-Oberfläche ausgestattet, die Applikationen aus Cloud sowieso. Dagegen ist bemerkenswerte neue Software für Windows kaum noch zu beobachten.

    Google erfüllt Netscapes Vision

    Genau dieser Argumentation folgt Google mit Chrome OS, dessen Fertigstellung sich bis ins 2. Halbjahr 2011 verzögert. Wenn die Benutzer ohnehin fast ausschließlich mit dem Web-Browser arbeiten, dann reiche ein Betriebssystem, dessen Shell genau aus einem solchen Internet-Client bestehe. Während Andreessen noch eine ferne Vision vor Augen hatte, rückt nun der Zeitpunkt näher, an dem klassische Desktop-Betriebssysteme massiv an Bedeutung verlieren werden.

    Desktop-Software hält Windows am Leben

    Auch wenn also die Bedrohung für Windows real ist, profitiert Microsoft von der enormen Zahl an Legacy-Anwendungen, die in vielen Unternehmen noch auf Jahre hinaus unentbehrlich sind. Dazu zählt auch MS Office, das sich nicht so bald durch ein Office aus der Cloud ersetzen lässt, sei es, weil es diesem an Funktionen fehlt, sei es, weil sich bestehende Makros nur mit großem Aufwand konvertieren lassen.

    Windows soll bester Web-Client werden

    Dennoch möchte sich Microsoft nicht alleine auf die installierte Basis verlassen und vollzieht mit dem Internet Explorer 9 einen grundlegenden Kurswechsel. In der Vergangenheit wollte der Hersteller die Bedeutung des Browsers als Client für Anwendungen schmälern, indem er durch seine Marktdominanz Web-Standards aufweichte oder den Fortschritt durch jahrelange Inaktivität zu bremsen versuchte. Angesichts der Konkurrenz durch Google Chrome und Mozilla Firefox kamen die Verantwortlichen in Redmond zur Einsicht, dass sie der Macht des Web nicht widerstehen können.

    Mit dem IE9 möchte Microsoft sein Betriebssystem zum besten Client für das Web machen. Es setzt dabei einerseits auf die enge Integration zwischen Browser und Windows, indem es Web-Anwendungen weitgehend mit herkömmlichen Desktop-Anwendungen gleichstellt. Durch den Einsatz von Hardware-Beschleunigung sollen sie darüber hinaus zu einer mit nativen Applikationen vergleichbaren Performance gelangen.

    Vorschnelle Festlegung auf HTML 5

    Eine wesentliche Kurskorrektur besteht auch darin, dass Microsoft auch für Rich Internet Applications (RIAs) nun HTML5 gegenüber proprietären Technologien den Vorzug gibt - und das bereits zu einem Zeitpunkt, da der W3C-Standard noch gar nicht verabschiedet ist und es verfrüht erscheint, das mächtigere Silverlight auf die Entwicklung von Windows Phone 7 zu reduzieren.

    Keine Kommentare