Westfälische Provinzial migriert von OS/2 auf Windows XP

    Externer Dienstleister für das RolloutWährend sich die meisten Unternehmen Gedanken darüber machen, wann und wie sie auf Windows 7 umstellen, legte die Westfälische Provinzial für ihre fast 600 Agenturen einen Zwischenschritt zu XP ein, um das betagte OS/2 abzulösen. Dabei waren im Vergleich zu einem Windows-Update weit größere Kompatibilitätsprobleme zu bewältigen.

    Der letzte Systemwechsel in den Versicherungsagenturen erfolgte 1999 mit dem Umstieg von MS-DOS auf OS/2. In diesem Zuge ersetzte das Versicherungsunternehmen seine Agentursoftware "GKS" durch die umfassende Point-of-Sales-Lösung "Prima", die in Zusammenarbeit mit Brainforce entwickelt worden war. Sie existierte in einer Version für Windows und OS/2, so dass die Systemwahl nicht durch die Anwendung erzwungen wurde.

    Vielmehr fiel damals die Entscheidung zugunsten von OS/2 trotz der unübersehbaren Desktop-Dominanz von Microsoft, weil die Westfälische Provinzial intern OS/2 einsetzte und daher für das IBM-System wesentlich mehr Know-how besaß als für Windows. Zudem erschien den Verantwortlichen OS/2 technisch wesentlich ausgereifter als die Microsoft-Alternative NT 4.

    Schlechte Hardware-Unterstützung für OS/2

    Aufgrund der klar definierten Desktop-Anforderungen in den Agenturen machte sich in den Folgejahren nicht primär der Mangel an OS/2-Software negativ bemerkbar, vielmehr beeinträchtigte die schwindende Verfügbarkeit von Hardware-Treibern die Nutzung der PCs. Da etwa Druckerhersteller schon lange keine OS/2-Treiber mehr entwickelten, beauftragte das Versicherungsunternehmen die Innotek GmbH mit der Wartung von OS/2 und der Entwicklung von Treibern.

    Zwar gelang es 2005 noch, die Client-Hardware in den Agenturen zu erneuern, als aber die IBM für den 31.12.2006 das Ende des Supports von OS/2 ankündigte, zeichnete sich ab, dass der nächste Systemwechsel unumgänglich war. Anfang 2008 startete das Migrationsprojekt unter dem Codenamen "PrimaWin", mit dessen Umsetzung die Gesellschaft für angewandte Versicherungs-Informatik (GaVI) beauftragt wurde.

    Entscheidung für Windows XP

    Angesichts der Marktverhältnisse bei Desktop-Betriebssystemen war klar, dass eine Microsoft-Lösung die besten Chancen hatte. Dennoch wollte sich die Westfälische Provinzial die Linux-Option offenhalten und entschied sich deshalb dafür, einige externe Module wie den Firmenkundentarifrechner, die von Prima aus aufgerufen werden, von Pascal nach Java zu portieren. Die geplante Ablösung des Textverabeitungsprogramms "Euroscript" durch OpenOffice wäre unter Linux ebenfalls realisierbar gewesen.

    Projektleiter Siegfried Achterholt von der Gesellschaft für angewandte Versicherungs-Informatik (GaVI)Beim Umstieg von OS/2 auf Windows war naheliegend, gleich die neueste Version des Microsoft-Betriebssystems einzusetzen. Zum Projektstart 2008 war Vista bereits über ein Jahr auf dem Markt und das SP1, das viele Anwender grundsätzlich abwarten, gerade erschienen. Allerdings hatte sich der XP-Nachfolger zu diesem Zeitpunkt bereits einen schlechten Ruf erworben. "Vista war besonders Ressourcen-hungrig und versprach im Vergleich zu XP keine wesentlichen Vorteile", so GaVI-Projektleiter Siegfried Achterholt. Daher fiel die Entscheidung zugunsten des Vorgängermodells, obwohl der dafür vom Hersteller gebotene Support naturgemäß früher auslaufen würde.

    Im Verlauf des Projekts wurde anlässlich des Release Candidate von Windows 7 erwogen, doch auf die neueste Version des Betriebssystems zu wechseln. Diese wurde jedoch erst gegen Ende 2009 erwartet und ließ sich daher mit den Zielen des Projekts nicht vereinbaren. Angesichts des am 8. April 2014 auslaufenden Supports für XP sieht Achterholt noch genügend Spielraum für die Umstellung auf eine neuere Windows-Version. Die von Gartner aufgezeigte Problematik, dass neuere Versionen von Anwendungssoftware unter XP schon bald nicht mehr unterstützt werden könnten, dürfte aufgrund der klar umrissenen Anforderungen in den Versicherungsagenturen keine Rolle spielen.

    Zentralistische Lösung als Perspektive

    Für die weitere Entwicklung der Agenturarbeitsplätze gibt es Pläne, zukünftig auf ein stärker zentralistisches Modell zu setzen. Dafür käme ein Ansatz auf Basis von Terminal-Server und Citrix in Frage, nachdem das Unternehmen bereits für die Vertragsauskünfte eine solche Infrastruktur nutzt. Eine weitere Option bestünde in virtuellen Desktops oder gleich in der Umstellung auf ein Web-basiertes Modell. Durch die Portierung von Teilen der Agentursoftware nach Java steht diese Möglichkeit offen, indem die Geschäftslogik auf einen Applikations-Server verlagert wird und der Browser dann als neues Frontend dient.

    Anwenderbefragung für PrimaWin-ProjektDie Anforderungen der Versicherungsberater fallen überwiegend in die Kategorie "aufgabenorientiert", die bei der Klassifizierung der Desktop-Nutzung häufig den so genannten Wissensarbeitern gegenübergestellt werden. Dies manifestiert sich in der Bereitstellung gemanagter Desktops, wie die gegen Veränderungen weitgehend abgeschotteten PCs im Microsoft-Jargon heißen. Sie lassen sich mit vergleichsweise geringem Aufwand verwalten, Achterholt beschäftigt für den Betrieb und die Wartung der rund 600 Agenturen nur 2 Mitarbeiter.

    Es lässt sich daher absehen, dass mit zentralistischen Alternativen keine wesentlichen Kosteneinsparungen erzielt werden können, zumal sie erheblicher Anfangsinvestitionen bedürfen. Vor allem aber benötigen die Außendienstler immer noch eine Lösung für Beratungsgespräche, die beim Kunden vor Ort auch bei Nicht- oder Schlechtverfügbarkeit von WAN-/UMTS-Netzen offline nutzbar sein müssen.

    Übersicht: Aufwendungen für Hardware, Lizenzen, Service

    Rollout-Center für PrimaWinBeim Systemwechsel schlugen nicht nur die Lizenzen für das Betriebssystem und die neue Hardware zu Buche, sondern erwartungsgemäß auch die Anschaffung und Anpassung von Software für Windows. Hinzu kamen die Kosten für diverse Utilities (Virenscanner, PDF-Tools, etc.), die aufgrund des Systemwechsels neu angeschafft werden mussten und alleine einen hohen 6-stelligen Betrag ausmachten. Für Client- und Server-Lizenzen von IBMs DB2-Datenbank fielen weitere Ausgaben an.

    Die Dimensionen des Projekts werden auch aus dem zeitlichen Aufwand der Dienstleister ersichtlich. Gemeinsam wandten die GaVI, die Fachbereiche der Westfälischen Provinzial und die ebenfalls involvierte Provinzial NordWest VersicherungsInformatik GmbH etwas mehr als 2000 Personentage auf. Für den eigentlichen Rollout beauftragte der Versicherer zudem einen externen Dienstleister.

    1 Kommentar

    Bild von Eugene Gorbunoff
    11. Oktober 2010 - 16:24

    Hardware supported by eComStation (IBM OS/2 Warp):
    http://ecomstation.ru/hardware.php